Ein Interviewleitfaden entscheidet darüber, was du später auswerten kannst. Fragen, die zu eng gestellt sind, liefern kurze Antworten, die du kaum kodieren kannst. Fragen, die zu weit sind, liefern Material, das an deiner Forschungsfrage vorbeigeht. Dieser Artikel zeigt, wie du mit dem SPSS-Prinzip nach Cornelia Helfferich einen Leitfaden aufbaust, wie er mit deinen späteren Kategorien zusammenhängt und was du im Methodenteil dazu schreibst.
Was ein Leitfaden leisten soll
Ein Leitfaden ist kein Fragebogen, den du Punkt für Punkt abarbeitest. Er soll so offen sein, dass die Befragten ihre eigenen Relevanzen einbringen können, und so strukturiert, dass du am Ende zu deiner Forschungsfrage Material hast. Wie viel Struktur nötig ist, hängt von der Interviewform ab: Ein narratives Interview kommt mit einem einzigen Erzählimpuls aus, ein Experteninterview braucht meist mehr Lenkung. Für die Auswertung gilt: Je vergleichbarer die Themenblöcke über alle Interviews hinweg sind, desto leichter lässt sich später kodieren.
Das SPSS-Prinzip in vier Schritten
Helfferich beschreibt den Weg zum Leitfaden mit vier Schritten, deren Anfangsbuchstaben dem Verfahren den Namen geben. In der Praxis laufen die Schritte nicht sauber nacheinander, sondern überlappen sich.
- Sammeln: Du notierst alle Fragen, die dir zu deinem Thema einfallen, am besten im Austausch mit anderen. Hier bewertest du noch nicht. Der Schritt zeigt dir nebenbei, welche Annahmen und Theorien du selbst mitbringst.
- Prüfen: Jetzt streichst oder überarbeitest du. Reine Faktenfragen gehören in einen Kurzfragebogen. Geschlossene, suggestive oder wertende Fragen sind ungeeignet, ebenso Fragen, die nur Vorwissen abprüfen oder nach theoretischen Zusammenhängen fragen, die die Befragten gar nicht benennen können. Formuliere Fragen so um, dass sie zum Erzählen einladen, statt das Thema direkt abzufragen.
- Sortieren: Die übrigen Fragen gruppierst du nach Inhalt. Meist ergeben sich wenige Themenblöcke.
- Subsumieren: Pro Block formulierst du eine möglichst offene Einstiegsfrage. Dahinter stehen Stichpunkte oder Nachfragen für Aspekte, die die Befragten nicht von selbst ansprechen. Die Blöcke ordnest du vom Allgemeinen zum Speziellen.
Wie viele Hauptfragen angemessen sind, hängt vom Zeitrahmen ab. Eine verbreitete Faustregel lautet, den Leitfaden knapp zu halten. Ein Leitfaden mit zwanzig Hauptfragen verführt dazu, ihn abzuhaken statt zuzuhören.
Vom Leitfaden zu den späteren Kategorien
Der Leitfaden prägt deine Auswertung, ob du willst oder nicht. Wenn du deduktiv kodierst, liegt es nahe, die Themenblöcke als erste Hauptkategorien zu übernehmen. Das ist legitim, hat aber eine Folge: Du findest dann vor allem, wonach du gefragt hast. Themen, die die Befragten außerhalb deiner Blöcke ansprechen, brauchen eigene, induktiv gebildete Kategorien. Plane dafür Platz ein, etwa indem du am Ende jedes Interviews offen fragst, was noch nicht zur Sprache kam. Wie du beides verbindest, steht im Artikel zum Auswerten von Leitfadeninterviews, und wie du aus Blöcken ein belastbares Regelwerk machst, im Artikel zum Kodierleitfaden.
Beispiel (erfunden): Fragen prüfen und umformulieren
Angenommen, du untersuchst, wie Studierende ihr Homeoffice-Semester erlebt haben. Die folgenden Formulierungen sind frei erfunden und dienen nur zur Illustration.
| Ausgangsfrage (Sammeln) | Problem (Prüfen) | Überarbeitet (Subsumieren) |
|---|---|---|
| Wie alt bist du? | Faktenfrage | In den Kurzfragebogen verschieben |
| Fandest du die Online-Lehre auch zu anonym? | Suggestiv, geschlossen | Erzähl mir von einem typischen Tag in diesem Semester. |
| Hat Isolation deine Motivation verringert? | Theoretischer Zusammenhang vorgegeben | Wie hat sich dein Lernen im Lauf des Semesters verändert? |
Typischer Fehler: Hypothesen als Fragen verkleiden
Der häufigste Fehler ist, die eigene Theorie in Fragen zu gießen und sich bestätigen zu lassen. Die Befragten antworten dann mit Ja oder Nein, und du hast Zustimmung statt Beschreibungen. Ein zweiter Fehler ist, den Leitfaden nie auszuprobieren. Ein Probeinterview mit einer Person, die nicht zur Stichprobe gehört, zeigt, welche Fragen missverständlich sind, wie lange das Gespräch dauert und ob die Einstiegsfragen überhaupt Erzählungen auslösen. Danach passt du den Leitfaden an und dokumentierst die Änderungen. Ein dritter Fehler ist, zu früh zu viele Nachfragen festzuschreiben: Wer sie vorliest, statt zuzuhören, verpasst die Anschlussstellen im Gespräch.
Was Software hier kann und was nicht
Beim Erstellen des Leitfadens hilft Software kaum, denn hier fallen die Entscheidungen über Fragestellung und Haltung. Sie kann dir danach den Weg ins Material erleichtern: Themera transkribiert Interviews (Deutsch und Englisch) und pseudonymisiert sie vor der Analyse, auch gebeugte deutsche Namen. Jeder Code ist durch ein wörtliches Zitat belegt, und Zitate, die nicht exakt im Material stehen, werden automatisch verworfen. Eine Abdeckungsanzeige zeigt, welche Antworten keinen Code erhalten haben. Das hilft dir zu sehen, ob Themen außerhalb deiner Leitfadenblöcke liegen. Das Codebuch lässt sich bearbeiten, und das Material kann neu kodiert werden. Die Daten werden in der EU verarbeitet (Mistral AI, Paris) und nicht zum Training genutzt; ein AVV ist verfügbar. Ob dein Leitfaden gute Daten hervorbringt, siehst du erst im Gespräch, und das bleibt deine Aufgabe.
Formulierung für den Methodenteil
Die Interviews wurden mit einem Leitfaden geführt, der nach dem SPSS-Prinzip (Helfferich, [Jahr]) entwickelt wurde: Zunächst wurden [Anzahl] mögliche Fragen gesammelt, anschließend auf Offenheit und Eignung geprüft, nach Themen sortiert und zu [Anzahl] Themenblöcken mit je einer offenen Einstiegsfrage und optionalen Nachfragen zusammengefasst. Faktenfragen wurden in einen Kurzfragebogen ausgelagert. Der Leitfaden wurde in einem Probeinterview erprobt und [kurz beschreiben, was geändert wurde] angepasst. Er ist im Anhang dokumentiert.
Ergänze die Quellenangabe nach den Vorgaben deiner Hochschule und passe die Beschreibung an das an, was du tatsächlich getan hast. Wie viele Interviews du insgesamt brauchst, klärt der Artikel Wie viele Interviews brauche ich?
Fazit
Sammle breit, prüfe streng, sortiere nach Themen und formuliere pro Block eine offene Einstiegsfrage. Probiere den Leitfaden aus, bevor du ihn einsetzt, und halte fest, was du geändert hast. Dann hast du Material, das sich kodieren lässt, und einen Methodenteil, der das belegt.
Beispielanalyse ansehen mit Codes, wörtlichen Belegen und Abdeckungsanzeige, oder mit eigenem Material testen: drei Analysen kostenlos, ohne Kreditkarte.