"Die Auswertung erfolgte nach der Grounded Theory durch offenes, axiales und selektives Kodieren." So oder ähnlich steht es in vielen Methodenteilen. Nicht selten steckt dahinter eine Inhaltsanalyse unter anderem Namen, und wer die Methode kennt, sieht das in der Begutachtung schnell.
Dieser Artikel zeigt die drei Kodierschritte nach Strauss und Corbin an einem durchgehenden Beispiel, die Unterschiede zu Barney Glaser und die Anzeichen für ein falsches Etikett.
Vorab: Kodieren allein ist noch keine Grounded Theory
Glaser und Anselm Strauss haben die Grounded Theory 1967 in "The Discovery of Grounded Theory" vorgestellt. Ihr Ziel ist eine in den Daten begründete Theorie, nicht nur eine geordnete Beschreibung. Das Kodieren ist dafür in drei weitere Elemente eingebettet:
- Theoretisches Sampling: Welche Fälle du als Nächstes erhebst, ergibt sich aus der laufenden Auswertung, nicht aus einem Plan vorab.
- Ständiges Vergleichen: Stelle mit Stelle, dann Stellen mit Konzepten, schließlich Konzepte untereinander.
- Memos: laufende Notizen zu Konzepten und Zusammenhängen, in denen die Theorie entsteht.
Das läuft bis zur theoretischen Sättigung. Juliet Corbin versteht darunter, dass die Kategorien in ihren Eigenschaften und Dimensionen ausgearbeitet und ihre Beziehungen geklärt sind, nicht bloß, dass zuletzt nichts Neues kam. Sie betont auch, dass sich Analyse kaum als feste Schrittfolge beschreiben lässt: Die drei Kodierarten greifen ineinander.
Offenes Kodieren: das Material aufbrechen
Du gehst das Material genau durch, anfangs Zeile für Zeile, und fragst: Was passiert hier? Wer ist beteiligt? Wie, warum, mit welchen Folgen? Was du findest, benennst du als Konzept, gern mit den Worten der Befragten (In-vivo-Code). Ähnliche Konzepte fasst du zu Kategorien zusammen und arbeitest ihre Eigenschaften und Dimensionen heraus. Die aufwendige Zeile-für-Zeile-Analyse empfiehlt Corbin vor allem für den Einstieg.
Ein erfundenes Beispiel für den ganzen Artikel: eine Studie zu Berufseinsteigerinnen in der Pflege. Eine Befragte sagt (erfundenes Zitat): "Bevor ich was eintrage, frag ich lieber dreimal nach." Ein offener Code wäre Absichern durch Nachfragen, ein In-vivo-Code dreimal nachfragen. Die Kategorie Absichern hat etwa die Eigenschaften Häufigkeit (selten bis ständig) und Adressat (Kollegin, Stationsleitung, Ärztin).
Typischer Fehler: zusammenfassen statt konzeptualisieren. Schon Strauss beschrieb 1987, dass Einsteiger dazu neigen, eine Textstelle bloß in eine Kurzfassung zu übersetzen. "Spricht über Unsicherheit beim Dokumentieren" ist eine Paraphrase. Absichern ist ein Konzept, das du mit anderen Stellen und Fällen vergleichen kannst.
Axiales Kodieren: Zusammenhänge um eine Kategorie
Jetzt rückst du jeweils eine Kategorie als Achse ins Zentrum und untersuchst, womit sie zusammenhängt. Dafür gibt es das Kodierparadigma, bei Strauss und Corbin (1990, deutsch 1996) mit sechs Elementen. Steht im Beispiel Unsicherheit bei eigenen Entscheidungen im Zentrum, wird Absichern zur Strategie im Umgang damit:
| Element | Leitfrage | Beispiel (erfunden) |
|---|---|---|
| Phänomen | Worum dreht sich das Handeln? | Unsicherheit bei eigenen Entscheidungen |
| Ursächliche Bedingungen | Was führt dazu? | unklare Zuständigkeiten, wenig Routine |
| Kontext | In welchem Rahmen tritt es auf? | Einarbeitungszeit, Nachtdienst |
| Intervenierende Bedingungen | Was fördert oder hemmt das Handeln? | Teamklima, Erreichbarkeit der Stationsleitung |
| Handlungs- und Interaktionsstrategien | Wie gehen die Beteiligten damit um? | Absichern durch Nachfragen, Mitschreiben, Aufgaben abgeben |
| Konsequenzen | Was folgt daraus? | Zeitverlust, wachsende Routine, Abhängigkeit vom Team |
Typischer Fehler: das Paradigma wie ein Formular ausfüllen. Sechs Felder pro Interview, jedes mit Zitat, ergeben noch keinen Zusammenhang. Entscheidend ist, ob eine Beziehung über mehrere Fälle trägt und wann sie sich verändert. Dafür brauchst du kontrastierende Fälle aus dem theoretischen Sampling.
Selektives Kodieren: die Kernkategorie
Zum Schluss wählst du eine Kernkategorie und beziehst die übrigen Kategorien systematisch auf sie. Du prüfst diese Beziehungen am Material und füllst dünne Kategorien auf, notfalls mit weiteren Interviews. Eine tragfähige Kernkategorie hängt mit möglichst vielen anderen Kategorien zusammen, taucht im Material immer wieder auf und erklärt einen großen Teil der Unterschiede zwischen den Fällen.
Ein nützlicher Test ist die Storyline: Lässt sich in wenigen Sätzen erzählen, worum es im Kern geht? Im Beispiel könnte die Kernkategorie Sich unangreifbar machen heißen; Absichern wäre eine von mehreren Strategien, deren Form vom Teamklima abhängt.
Typischer Fehler: das häufigste Thema automatisch zur Kernkategorie erklären. "Belastung" kommt vermutlich in jedem Interview vor, erklärt aber nicht, warum sich die Fälle unterscheiden.
Was Glaser anders macht
Glaser antwortete 1992 auf Strauss und Corbin mit einer Streitschrift, deren Kern die Formel "Emergence vs. Forcing" ist: Axiales Kodieren und Kodierparadigma würden den Daten Kategorien aufzwingen, statt sie aus dem Material hervorgehen zu lassen. Drei Unterschiede zählen:
- Kein festes Paradigma. Kategorien verknüpft Glaser beim theoretischen Kodieren mithilfe sogenannter Kodierfamilien, etwa zu Ursachen und Folgen, Prozessen oder Strategien. Welche passen, soll sich aus dem Material ergeben.
- "Selektiv" heißt etwas anderes. Bei Glaser bedeutet es, das offene Kodieren zu beenden, sobald die Kernkategorie gefunden ist, und nur noch zu kodieren, was mit ihr zusammenhängt. Bei Strauss und Corbin ist es der Integrationsschritt am Ende.
- Literatur. Strauss und Corbin erlauben Fachliteratur auch vor Beginn der Studie. Glaser rät von einer ausführlichen Literaturrecherche zum Gegenstand ab, solange die Kernkategorie nicht feststeht.
Udo Kelle (2005) hält Glasers Kritik für teils berechtigt, insgesamt aber für überzogen: Gerade Einsteigern helfe das Paradigma, nicht in den Daten unterzugehen. Daneben gibt es die konstruktivistische Variante von Kathy Charmaz mit initialem und fokussiertem Kodieren. Wähle eine Variante und mische die Begriffe nicht.
Typischer Fehler: Grounded Theory draufschreiben, Inhaltsanalyse machen
Jörg Strübing hat 2004 kritisiert, dass sich auffallend viele Studien auf Grounded Theory berufen, und vermutet, dass das Label gern dann gewählt wird, wenn das eigene Vorgehen unklar geblieben ist. Auch Glaser bemängelte im selben Jahr, dass beschreibende Auswertungen das Etikett zur Legitimation tragen. Anzeichen in einer Abschlussarbeit:
- Alle Interviews waren geführt, bevor die Auswertung begann, und die Fallauswahl wird nirgends aus der Analyse heraus begründet.
- Die Kategorien entsprechen den Blöcken des Leitfadens.
- Memos kommen im Methodenteil nicht vor.
- Das Ergebnis ist eine Liste von Themen statt einer Kernkategorie mit Beziehungen.
- "Sättigung" heißt nur, dass keine neuen Themen mehr auftauchten.
Erkennst du deine Arbeit darin wieder, benenne die Methode ehrlich, oft als inhaltlich strukturierende Inhaltsanalyse nach Kuckartz. Wie du Kategorien aus dem Leitfaden korrekt beschreibst, zeigt der Artikel zu induktivem und deduktivem Kodieren; bei der Grundsatzfrage hilft der Vergleich der Auswertungsmethoden.
Was Software hier kann — und was nicht
Grounded Theory lebt von Entscheidungen, die kein Werkzeug trifft: welcher Fall als Nächstes kommt, was ins Memo gehört, was den Kern bildet. Software hilft beim Drumherum.
In Themera arbeitest du mit einem Codebuch. Jeder Code ist mit einem wörtlichen Zitat belegt; Zitate, die nicht exakt so im Material stehen, werden automatisch verworfen. Eine Abdeckungsanzeige zeigt, welche Stellen keinen Code bekommen haben, und du kannst das Codebuch bearbeiten und das Material neu kodieren lassen. Für Grounded Theory taugt das als Vergleichsfolie zu deinen offenen Codes und als Kontrolle, ob deine Kategorien das Material abdecken. Ein Codebuch-Werkzeug steht methodisch aber näher an der Inhaltsanalyse; für Glaser wäre ein vorab festgelegtes Codebuch genau das Aufzwingen, vor dem er warnt. Hat KI mitkodiert, gehört das in den Methodenteil.
Formulierung für den Methodenteil
Die Auswertung folgte der Grounded Theory nach Strauss und Corbin (1996). Erhebung und Auswertung wurden verschränkt: Nach den ersten [Anzahl] Interviews wurden weitere Fälle im Sinne des theoretischen Samplings ausgewählt, um [Kontrastkriterium] einzubeziehen. Das Material wurde zunächst offen kodiert; Konzepte und Kategorien wurden im ständigen Vergleich entwickelt und in Memos festgehalten. Beim axialen Kodieren wurden die Kategorien mithilfe des Kodierparadigmas aufeinander bezogen. Im selektiven Kodieren wurde [Kernkategorie] als Kernkategorie bestimmt und am gesamten Material geprüft. Die Erhebung endete nach [Anzahl] Interviews, als [Begründung der theoretischen Sättigung].
Streiche, was du nicht getan hast. Hast du nur einzelne Techniken übernommen, schreib genau das: "Bei der Kategorienbildung wurden Techniken der Grounded Theory genutzt (offenes Kodieren, ständiges Vergleichen); eine gegenstandsbezogene Theorie wird nicht beansprucht."
Fazit
Offen, axial, selektiv heißt: aufbrechen, verknüpfen, um eine Kernkategorie integrieren. Zur Grounded Theory wird das erst mit theoretischem Sampling, Memos und ständigem Vergleich. Ohne sie ist eine sauber benannte Inhaltsanalyse besser als ein geliehenes Etikett.
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