Bevor du das erste Interview abtippst oder automatisch transkribieren lässt, solltest du festlegen, nach welchen Regeln das Transkript entsteht. Ohne Regeln sieht jedes Transkript ein wenig anders aus, und spätestens im Methodenteil fällt auf, dass du nicht sagen kannst, wie du mit Dialekt, Pausen oder unverständlichen Stellen umgegangen bist. Dieser Artikel erklärt den Unterschied zwischen einfachen und erweiterten Transkriptionsregeln, zeigt, welche Variante zu welcher Methode passt, und wie du ein automatisches Transkript an deine Regeln anpasst.
Einfach oder genau: zwei Grundtypen
Dresing und Pehl (2018) unterscheiden im "Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse" zwischen einfachen und komplexeren Transkriptionssystemen. Einfache Systeme zielen auf den Inhalt und auf gute Lesbarkeit: Gesprochenes wird wörtlich, aber an die Schriftsprache angepasst festgehalten. Komplexe Systeme halten zusätzlich fest, wie etwas gesagt wurde, also Betonung, Pausenlängen, Überlappungen, Abbrüche oder Dialekt.
Für die Gesprächsforschung ist das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem GAT 2 (Selting et al., 2009) verbreitet. Es kennt mehrere Detailstufen, vom Minimaltranskript über das Basistranskript bis zum Feintranskript. Wer Interviews inhaltlich auswertet, braucht diese Genauigkeit in aller Regel nicht.
Typische Regeln eines einfachen Transkripts
Die folgenden Punkte orientieren sich am einfachen System von Dresing und Pehl (2018). Den genauen Wortlaut und die vollständige Liste übernimmst du am besten direkt aus dem Praxisbuch, damit du im Methodenteil korrekt darauf verweisen kannst.
- Wörtlich, nicht zusammenfassend. Es wird aufgeschrieben, was gesagt wurde, nicht sinngemäß.
- An die Schriftsprache angepasst. Dialekt wird möglichst ins Hochdeutsche übertragen, Stottern und Wortabbrüche werden geglättet, der Satzbau bleibt aber erhalten.
- Pausen werden einheitlich markiert, etwa mit (…).
- Sprecherwechsel beginnen einen neuen Absatz mit einem Kürzel: I für die interviewende Person, B für Befragte, bei mehreren Befragten B1, B2 und so weiter.
- Zeitmarken stehen am Ende jedes Absatzes, damit sich jede Stelle in der Aufnahme wiederfinden lässt.
- Unverständliches wird mit (unv.) gekennzeichnet, vermutete Wörter mit Fragezeichen in Klammern.
- Emotionale Äußerungen wie Lachen oder Seufzen stehen in Klammern, wenn sie für das Verständnis wichtig sind.
Was ein erweitertes Transkript zusätzlich festhält
Erweiterte Regeln ergänzen das einfache Transkript um Merkmale der Sprechweise. Typisch sind genaue Pausenlängen, Betonungen, Lautstärke, gleichzeitiges Sprechen, Fülllaute wie "äh" und "mhm" sowie Dialekt in Lautschrift. Das kostet deutlich mehr Zeit und lohnt sich nur, wenn du genau diese Merkmale auswertest, etwa in einer Gesprächsanalyse oder wenn du rekonstruierst, wie jemand eine Geschichte erzählt.
Welches Regelwerk zu welcher Methode passt
| Auswertung | Übliche Genauigkeit |
|---|---|
| Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, Kuckartz) | Einfaches Transkript |
| Experteninterviews | Einfaches Transkript; Meuser und Nagel (1991) halten aufwendige Notation hier für überflüssig |
| Thematische Analyse (Braun & Clarke) | Vollständig wörtliches Transkript, Sprechweise meist nicht im Detail |
| Narrative und biografische Interviews | Mehr Detail, je nach Auswertungsverfahren |
| Gesprächs- und Konversationsanalyse | Komplexes System, zum Beispiel GAT 2 |
Die Tabelle ist eine Faustregel. Maßgeblich sind die Gepflogenheiten deines Fachs und die Absprache mit deiner Betreuung. Wie die Auswertung danach weitergeht, beschreibt der Artikel Interviews transkribieren und auswerten.
Ein automatisches Transkript an deine Regeln anpassen
Automatische Transkripte wirken oft schon geglättet, folgen aber keinem Regelwerk. Nach dem Transkribieren bleibt deshalb ein Durchgang, in dem du das Ergebnis an deine Regeln anpasst:
- Sprecher einheitlich benennen, also I und B1 statt "Speaker 1" und "Speaker 2".
- Unklare Stellen anhören und entweder korrigieren oder mit (unv.) markieren. Das Programm schreibt an solchen Stellen oft ein plausibles, aber falsches Wort.
- Prüfen, ob die Glättung zu deinen Regeln passt: Fülllaute und Wiederholungen sollten entweder durchgehend wegfallen oder durchgehend stehen bleiben.
- Namen, Orte und Einrichtungen pseudonymisieren, bevor das Transkript weitergegeben oder ausgewertet wird. Wie das gründlich gelingt, steht im Artikel Transkripte anonymisieren.
In Themera erledigst du diese Schritte in einem Editor: Sprecher umbenennen und zusammenführen, Stellen per Klick auf die Zeitmarke nachhören, wiederkehrende Fehler mit Suchen und Ersetzen korrigieren und anschließend pseudonymisieren, auch gebeugte deutsche Namen. Beim Export als Word-Datei setzt Themera auf Wunsch Zeilennummern und Zeitmarken am Absatzende im Format #hh:mm:ss-x#. Mehr dazu auf der Seite Interviews transkribieren mit KI.
Typische Fehler
- Regeln mitten im Projekt ändern. Dann sind die ersten Transkripte anders geglättet als die letzten, und Vergleiche hinken.
- Keine Zeitmarken. Ohne sie findest du eine Stelle in der Aufnahme nur durch langes Suchen wieder.
- Uneinheitliche Kürzel. "B" in einem Interview und "Befragte" im nächsten machen spätere Auswertungen nach Sprecher mühsam.
- Zu viel Detail. Wer für eine Inhaltsanalyse jede Pause misst, verliert Wochen, ohne dass die Ergebnisse besser werden.
So beschreibst du die Regeln im Methodenteil
Eine Formulierung, die du an dein Vorgehen anpassen kannst:
Die Interviews wurden vollständig wörtlich nach dem einfachen Transkriptionssystem von Dresing und Pehl (2018) transkribiert. Dialekt wurde ins Hochdeutsche übertragen, Pausen wurden mit (…) und unverständliche Stellen mit (unv.) gekennzeichnet. Jeder Sprecherbeitrag endet mit einer Zeitmarke. Namen, Orte und Einrichtungen wurden vor der Auswertung pseudonymisiert.
Fazit
Für die meisten inhaltlichen Auswertungen reicht ein einfaches, gut lesbares Transkript. Entscheidend ist weniger, welches Regelwerk du wählst, als dass du es vorher festlegst, durchgehend anwendest und im Methodenteil benennst. Das gilt für Transkripte von Hand genauso wie für automatisch erstellte.
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